|
Der Atem begleitet uns vom ersten Einatmen bei der Geburt bis zum letzten Ausatmen im Tode.
Diesem Atem, der schon in sich ein Symbol des Übergangs ist, wurde von jeher Wesens- und Wandlungskräfte zugeschrieben, die sich unserer gewohnten Begrifflichkeit entziehen und auf geistig- Jenseitiges verweisen. In den alten Sprachen der Völker wurde der Atem als Wind, Seele, Geist und Gedanke, und auch als Gott und Wort bezeichnet. Im Pneuma, dem Zwerchfell wurde der Sitz der Seele vermutet. Als "Chì" und "Prana" ist er Urprinzip des Lebendigen und von Gott dem Adam eingehaucht. Der Hauch ist Odem, ist die im Atem gemeinte göttliche Substanz, die heilend wirkt. (Noch immer haucht oder pustet die Mutter auf den Schmerz des Kindes.) |
Im Sanskrit gibt es das philosophische Konzept des "Atman", das die Nähe zum Atem leicht erkennen lässt. Atman wird dort auch für das "Selbst" verwendet und für das Eigentliche von Etwas, insbesondere das Eigentliche des Menschen. Im Griechischen verweist "psyche" auf die Seele und das Gemüt und "psycho" (ich atme), auf den individuellen leiblichen Atem. (Middendorf 1986). Die Atmung wurde auch schon immer "als Mittler wahrgenommen, die körperliche Erregung unter Kontrolle zu halten, damit die sozial geforderte Selbstdisziplin leichter zu verwirklichen ist". (Neubeck, Klaus: Atem-Ich, 1992, mehr Informationen dazu in: Atemphilosophie)
Ohne Atem können wir nicht leben.Der Atem begleitet uns vom ersten Einatem bei der Geburt bis zum letzten Ausatem beim Tod. In der Zeit dazwischen atmen wir unaufhörlich ein und aus. So gesehen könnten wir meinen, dass der Atem eine rein körperliche Funktion ist, die keinerlei besondere Beachtung braucht. Das ist richtig, die Atemfunktion wird vom unbewussten Nervensystem gesteuert, d.h., sie funktioniert auch im Schlaf oder bei Bewusstlosigkeit. Die Atemfunktion hat jedoch gegenüber anderen Organfunktionen eine Sonderstellung: Wir können sie willentlich beeinflussen, z.B. schneller atmen, oder die Luft (bis zu einer gewissen Grenze) anhalten.Außerdem ist es möglich, dass wir uns unserem Atem bewusst zuwenden und ihn als individuellen Atem, sowie als Atem, der uns alle verbindet, erkennen.
Durch seine lebenstragende Rolle wurde dem Atem seit Menschengedenken verschiedene Bedeutungen gegeben. Er bezieht sich auf die Seele im Menschen: Im christlichen Schöpfungsbild haucht Gottvater Adam den Lebensodem ein. Mit den Begriffen der altindischen Philosophie atma und atman (Sanskrit), ist das Höchste, das Selbst des Menschen gemeint. Prana im altindischen und Chi im Chinesischen meint die eigentliche Lebenskraft und alle Lebensäußerungen.
Der Atem bezieht sich auf Seele und Geist in der Sprache: Ruach in der hebräischen Sprache meint Hauch, Atem, Wind, Gesinnung, Gewissen. Im Altgriechischen steht „pneuma für Luft und Atem. Im Pneuma, d.h. im Zwerchfell wurde der Sitz der Seele vermutet.
Im Buddhismus der Theravada Tradition ist die Praxis des bewussten Ein- und Ausatems entscheidend. Dadurch wird die fließende, niemals greifbare, d.h. die wahre Natur aller körperlich/geistigen Prozesse erkannt. Für den historischen Gautama Buddha ist der Atemweg, eingebettet in der Lehre der trefflichen Achtsamkeit der Weg zur vollständigen Befreiung. Die Lehre des achtsamen Atems ist im Anapanasati Sutra niedergeschrieben. Es ist anzunehmen, dass in den alten östlichen Kulturreligionen auch Atemtechniken bekannt waren, die die Transformation des Bewusstseins beim Sterbeprozess unterstützt haben.
In der Alltagssprache benutzen wir häufig Worte, die mit dem Atem oder atmen zu tun haben: Wir sagen etwas ist atemberaubend schön, oder mir verschlägt es den Atem wenn etwas sehr berührt. Manchmal wird der Atem vergessen, oder er wird angehalten. Der Atem stockt in der Angst oder in Anspannung und es ist erleichternd endlich wieder "aufatmen und tief durchatmen" zu können.
Wir verstehen die Anderen in diesen Redewendungen zutiefst, denn die Worte Atem und atmen sprechen uns in einem größeren metaphysischen Bezug an. Der Atem gehört nicht zu uns, noch gehört er uns. Der Atem ist nicht in uns, sondern wir sind im Atem. (Dethlefsen und Dahlke 1989)
Der Atem ist auch die Basis für das Sprechen und damit für die Entwicklung des Bewusstseins. Dank der Forschung und Wissenschaft besitzen wir heute ein umfangreiches Wissen über die menschliche Atemfunktion. Die moderne Medizin kann viele Erkrankungen der Atemorgane und Störungen der inneren Atmung diagnostizieren und heilen. Dennoch bleibt der Atem an der Schwelle von Geburt zum Leben, vom Leben zum Tod, zwischen Gesundsein und Kranksein, zwischen Erde und Himmel ein Geheimnis.
Die Geschichte der Atemtherapie, von der hier die Rede sein soll, begann am Ende des 19., anfangs des 20. Jahrhunderts. An ihrer Entstehung waren besonders die Frauen interessiert und beteiligt. Sie überwanden die körperfeindlichen Werte und Normen ihrer Zeit und schufen eine eigene Körperkulturbewegung. Darin spielte der Atem, die natürliche Bewegung, auch Licht und Luft eine zentrale Rolle. Die neue Atem- und Leibpädagogik wurde von vielen hervorragenden Sucherinnen und Suchern, Psychologen und Psychologinnen, Ärzten und Ärztinnen weiter ausgebaut.
Seite drucken
zum Seitenanfang
Letzte Änderung am 10,06.2010